Geschätzte Einwohnerinnen und Einwohner,
geschätzte Gäste, liebe Festgemeinde
Es ist für mich eine Premiere eine 1. August-Ansprache halten zu dürfen. Als Neo-Regierungsrat gibt es aktuell so viele «erste Male». Gestartet mit dem Wahltag, an dem – obwohl ich bereits fast 12 Jahre Landrat war – noch nie im Sitzungszimmer des Regierungsrates gewesen war. Erstmals den Auszug aus dem Ring mit meinen Kollegen mitzumachen. Eine Näfelser Fahrt im Frack zu erleben, nachdem man unzählige Male im Schneisigen den Feierlichkeiten beiwohnte. Ein erstes Votum im Landrat, ein erstes Interview, ein erstes Grusswort. Plötzlich realisiert man, dass es nicht mehr darum geht, sich selbst zu vertreten, sondern dass man Repräsentant eines ganzen Kantons, seiner Menschen und deren Ideale ist.
Was macht man zum Inhalt der 1. Augustansprache
Es ist eine Ehre, so wie es mir eine Ehre ist heute meine erste 1. Augustansprache halten zu dürfen. Diese Aufgabe verkörpert eine neue Ausgangslage. Normalerweise hat man für eine Rede einen klaren und klar abgesteckten Auftrag, welchen es zu erfüllen gibt. Der Auftrag eine 1. August-Rede zu halten, hat aber keine klaren Vorgaben. Bei einem politischen Votum im Landrat oder an einer Gemeindeversammlung geht es um ein klares Thema. Bei einer repräsentativen Rede geht es entweder darum den anwesenden Personenkreis für deren Einsatz zu danken oder den Leuten unseren einzigartig schönen Bergkanton näher zu bringen und PR für unsere Region zu machen. All dies ist heute nicht so klar definiert. Allenfalls sind Gäste von ausserhalb des Glarnerlandes anwesend. Diese haben den Weg zu uns aber be-reits gefunden und kommen sicher wieder, da sie wahrscheinlich die Schönheit unserer Bergseen, Alpengipfel und Flussläufen bereits geniessen durften. Ebenfalls ist die Gesell-schaft sehr heterogen zusammengesetzt. Es sind nicht nur Gewerbetreibende, Fischerinnen und Fischer oder Turnende da. Ich habe also eine deutlich schwierigere Aufgabe vor mir. Weiter soll meine Ansprache logischerweise das Ziel haben, dass ich ihnen etwas auf den Weg mitgeben kann. Eine Aussage, an die sie sich hoffentlich auch heute Abend, wenn die Böller die Stille durchbrechen und die Feuerwerksraketen und «Zigerstöckli» den Nachthimmel erhellen, erinnern können.
Gestern Abend überlegt ich mir noch, ob ich die Aktualität der eingeführten Zölle der USA gegenüber der Schweiz auch noch thematisieren müsste. Diese Ankündigung ist für ein Land, das mit der Welt vernetzt ist, eine Hiobsbotschaft, welche das Potenzial hat uns Kopfweh zu bescheren. Beim aktuellen US-Präsidenten kann man aber nicht mit grosser Sicherheit wissen, ob heute Morgen nicht bereits wieder alles anders ist. Somit werden Sie etwas weniger Aktuelles aber trotzdem Wichtiges von mir in dieser Rede vorgetragen erhalten.
Die Politik in meinem Leben
Die Politik ist mir in die Wiege gelegt worden. Ich stamme aus einer durch und durch politischen Familie, welche zwar nicht mit kantonalen oder gar nationalen Aushängeschildern bestückt ist. Mein verstorbener Vater war der Dorfkaminfeger in Näfels und sass über viele Jahre hinweg im Gemeinderat von Näfels. Er lebte das politische Amt mit viel Herzblut aus.
Eher zufällig «rutschte» ich 2012 in den Landrat nach und wurde bekanntlich im letzten März in den Regierungsrat gewählt. Ich bin Regierungsrat aus einem Dorf, welches seit 30 Jahren nicht mehr einen Regierungsrat stellen konnte. 1994 wurde Jules Landolt – er wurde auch der schnelle Jules genannt – nicht mehr wiedergewählt und seit seinem Einsatz wartete Näfels auf einen «eigenen» Regierungsrat. Einen eigenen Regierungsrat – diese Aussage dürfte wohlmöglich etwas kleinkariert wirken und dürfte bei der einen oder beim anderen zum Stirnrunzeln anregen. Es dürfte wohlmöglich auch etwas überheblich sein. Dies aus mehreren Hinsichten.
So bin ich wahrscheinlich nicht der Wunschregierungsrat und dürfte von einer SP-Sympathisantin oder einem Mitglied der Grünen auch nicht als der «Ihrige» bezeichnet werden. Ebenfalls dürfte ich seit meinem Amtsantritt mit Entscheidungen und Meinungen nicht immer jedermann und «jederfraus» Wünschen entsprochen haben. Dies ist auch nicht möglich. Es ist aber mein Wille und meine eigene Zielsetzung mich für die Menschen zu interessieren, sich für deren Anliegen und für unseren schönen und lebenswerten Kanton einzusetzen und nach Möglichkeit ein offenes Ohr für Sie zu haben.
Taten statt Worte
Solche Aussagen werden Sie von jedem Politiker zu hören kriegen. Deshalb ist es viel entscheidender, dass man diesen Worten auch Taten folgen lässt. Ich wurde in den vergangenen Monaten oft gefragt, ob es mir im neuen Job gefällt. Ja es gefällt mir! Dies ist aber nicht das Entscheidende. Ich bin nicht Regierungsrat, damit es mir gefällt. Ich bin in dieses Amt gewählt worden, dass es Ihnen gefällt oder zumindest, dass Sie sagen können, dass er sich für gute Lösungen einsetzt und Sie mein Wirken erkennen und mehrheitlich für angemessen oder gar befriedigend halten. Wenn Sie mit meiner Arbeit zufrieden sind, dann kann ich auch zufrieden sein und wenn es mir gleichzeitig auch noch Spass macht – dann umso besser. Und meistens ist es so, dass man etwas, was man gerne und mit Herzblut ausführt, auch gut macht.
Herzblut ist ein schönes Wort, auf das ich in meiner Rede in den kommenden paar Minuten noch näher eingehen möchte.
Eine kürzlich durchgeführte Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Sotomo bei der Schweizer Bevölkerung wollte wissen «Was ist für Sie das Ideal der Schweiz?». Die Antworten von knapp 2’790 Menschen aus allen Sprachregionen zeigen einen klaren Platz 1: Das politische System. Direkte Demokratie, Föderalismus und Milizsystem zeichnen für 54 Prozent die Schweiz aus. Auf dem Fuss folgt die Wirtschaft, welche als stabil, zuverlässig und einsatzbereit eingeschätzt wird.
Auch wenn seitens von Politikerinnen und Politikern möglicherweise lieber die Neutralität oder die starke humanitäre Tradition als Pfeiler des Landes oben aufgeschwungen wäre, ist es ein schönes Zeichen, dass die direkte Demokratie bei der Bevölkerung so geschätzt wird. Es beweist auch, dass das Vertrauen in unseren Staat weiterhin deutlich höher ist, als dies im Ausland zu beobachten ist.
Die direkte Demokratie
Bei unserer direkten Demokratie liegt die Macht bei Ihnen. Driften wir – die Politiker in Niederurnen, Glarus oder Bern zu weit ab – dann gibt es die nächste Gemeindeversamm-lung, die nächste Landsgemeinde oder den nächsten Abstimmungssonntag, damit der Souverän korrigierend einwirken kann. Weiter müssen auch irgendwann die amtierenden Politiker per se wieder gewählt werden, womit man Anpassungen bei dieser Gelegenheit vornehmen kann. Dies ist keine Spezialität des Schweizer Demokratiemodells und man kennt diese Möglichkeit auch in vielen anderen Ländern.
Wie ausgeführt, haben Sie die Macht und halten die Fäden in der Hand. Dies ist gut so. Ebenfalls geschätzt wird gemäss der Umfrage der Umstand, dass die meisten Politiker im Milizsystem aktiv sind und das politische Amt nicht in einem Vollzeitpensum ausüben. Es ist somit ein Hobby, welches man wahrscheinlich nur annimmt, wenn es einem mit viel Herzblut ausfüllt. Und auch wenn es ein Hobby sein soll, muss man auch klar sagen, dass es ein zeitintensives Hobby ist. Umso mehr benötigt man zur Ausübung diese Aufgabe einen inneren Antrieb. Weiter sind Milizpolitiker Menschen, welche mit beiden Füssen auf dem Boden stehen und aus der Praxis wissen, wie es funktioniert oder funktionieren sollte.
Für eine funktionierende direkte Demokratie werden Freiwillige benötigt. Freiwillige, welche ein funktionierendes Land auch in der gesamten Zivilgesellschaft benötigt. Wir können mit einer aktiven Beteiligung an der Gesellschaft einen grossen Mehrwert leisten. Dieser Mehrwert beruht auch auf Selbstlosigkeit. Die zu erbringenden Leistungen haben die Grundlage im Umstand, dass man sich gerne für Land und Lüüt einsetzen möchte. Eine funktionierende Demokratie benötigt jedoch nicht nur Exekutiv-Politiker, es braucht auch Mitglieder für die Legislative und auch die echte Chef-Etage, das Volk. Die Gemeindever-sammlungen erhalten ihre echte Legitimation nur, wenn sie über eine hohe Beteiligung verfügt. Ich fordere Sie deshalb auf für diese Errungenschaft einzustehen und das nötige Herzblut für diese unverwechselbare und direkteste Form der Demokratie einzusetzen.
Gerne lese ich Ihnen in diesem Zusammenhang die Präambel unserer Bundesverfassung vor. Diese feiert heute zwar nicht den 734igsten Geburtstag, sondern ist deutlich jünger. Die Bundesverfassung wurde 1848 verabschiedet und galt damals vor 177 Jahren als Meilenstein für die Demokratie in Europa. Diese wurde bei der Totalrevision der Verfassung 1999 angepasst und beginnt mit der Präambel mit den folgenden Worten:
«Im Namen Gottes des Allmächtigen! Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung, im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken.»
Dies sind doch sehr umfassende Worte. Verleugnen wir uns nicht und bekennen uns zu unserer Herkunft und zu den bekannten Wurzeln. Vorurteile sind Gift für ein Zusammenleben im Geiste der Schweiz. Wir kennen vier Sprachen und unterschiedliche Mentalitäten und trotzdem sind wir alle Schweizer. Ob die Genferin, der Münstertaler, die Baselbieterin oder eine Bergbäuerin aus Engelberg – alle gehören wir dazu und machen aus der Schweiz ein Erfolgsmodell inmitten einer wunderbaren Natur.
Risiko vs. Sicherheit
So schön die Natur auch ist, so unberechenbar ist diese. Die starken Regenfälle während des letzten Wochenendes haben dies wieder gezeigt. Es hat auch gezeigt, dass wir mit ihr leben müssen und zu akzeptieren haben, dass wir die Natur trotz Fortschritten in Technologie und Bauwesen nicht vollumfänglich beherrschen können. Ebenfalls können wir sie nicht zu 100 % vorhersehen. Es gilt somit wieder mehr Demut an den Tag zu legen und uns einzugestehen, dass wir wissen, dass wir nichts wissen! Wir müssen wieder mehr Eigenverantwortung wahrnehmen. Die absolute Sicherheit gibt es nicht und eine Pseudo-Vollkaskogesellschaft ist nur mit sehr hohen Kosten verbunden. Dies ist aus meiner Sicht nicht erstrebenswert. Es ist deshalb nicht erstrebenswert, da wir mit dieser Mentalität uns aus der Verantwortung nehmen und mit dieser Haltung nicht den Mut zur Selbsthilfe fördern!
Der Kommandant des Katastrophenhilfe-Bereitschaftsbataillons Oberst Sébastien Neuhaus, der unter anderem in Blatten, aber auch bei uns in Schwanden bei der Wagenrunse im Einsatz stand und aktuell auch wieder mit seinem Bataillon am ESAF Einsatz leistet, hat sich anlässlich eines Referats dahingehend geäussert, dass im Krisenfall die Nachbarschaftshilfe funktioniert. Im Krisenfall wird nicht darüber diskutiert, dass allenfalls Ruhezeiten nicht eingehalten werden. Weiter konnte er die kursierenden Vorurteile gegenüber der heutigen Jugend, der Generation Z, nicht bestätigen. Während den Katastropheneinsätzen haben sich die jungen Armeeangehörigen stark eingebracht und Verantwortung übernommen. Weshalb sind wir also weniger egoistisch, wenn eine Krisensituation vorliegt? Wie schaffen wir es auch im Alltag mehr auf die Nachbarschaftshilfe zu zählen und das Miteinander in den Vordergrund zu stellen? Ich gebe Ihnen einen einfachen möglichen Lösungsansatz.
Indem wir es einfach machen!
Nicht nur darüber nachdenken, sondern machen!
Wir haben es gemeinsam in den eigenen Händen. Aller Anfang kann vielleicht schwer sein. Der Wert dieses Einsatzes ist jedoch unbezahlbar. Wir können Kosten für die Allgemeinheit deutlich reduzieren und müssen selbst nur etwas Zeit, vielleicht auch mal einen symbolischen Franken investieren und kriegen wahrscheinlich ein Vielfaches zurück, weil wir etwas Sinnvolles geleistet haben. Wir können mit unserem Handeln unser Quartier, unser Dorf, unseren Kanton – ja die ganze Gesellschaft etwas menschlicher machen.
«Einfach machen!»
Ich komme zum Schluss. Einfach machen – wir können damit heute anfangen, indem wir jetzt sofort dem Sitznachbarn ein Lächeln schenken (das kostet definitiv nichts) und kann sogar ansteckend sein. Wir können in vier Wochen auch den vielen tausend Besuchern im Glarnerland ein Lächeln schenken. Das wäre das Programm für die Anfänger. Dies hätte eine grosse Wirkung, welche in die ganze Schweiz ausstrahlen würde.
Für Fortgeschrittene könnte man das Lächeln auch im Alltag und nicht nur in Spezialzeiten verschenken. Weiter könnte man sich für eine gute Sache engagieren, in einem Verein mitwirken oder sich politisch einbringen. Auch wenn es gemütlicher wäre am Abend nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Aber zweimal pro Jahr sich nochmals aufraffen und in die Lintharena zu strömen und über die Zukunft der Gemeinde zu befinden. Oder bei Regen, Sonnenschein oder allenfalls auch Schneetreiben am ersten Maisonntag auf den Zaunplatz zu strömen, um gemeinsam zu Raten, Mindern und Mehren oder sonst über die Hüte der Damen und die Anzüge der Herren lästern oder sich den Vorsatz zu nehmen, dass wir gemeinsam daran arbeiten, dass der Kanton Glarus nicht ständig bei jenen Kantonen ist, welcher die tiefste Stimmbeteiligung bei eidgenössischen Abstimmungen hat – das wäre ein gemeinsames Ziel.
Es ist Zeit! Gemeinsam können wir so manches erreichen! Gehen wir es deshalb an! Ich danke Ihnen für das Zuhören und wünsche Ihnen einen schönen ersten August! Bleiben Sie gesund!